Technische Fachtexte für Ihre Website

Die zwiespältige Rolle der Rechtschreibung

Die zwiespältige Rolle der Rechtschreibung

Wie wichtig ist eigentlich korrekte Rechtschreibung? Da gehen die Meinungen auseinander. Meine ist, dass es auf das Umfeld ankommt.

Korrekte Rechtschreibung ist die vielleicht verachtetste Kunst überhaupt. Wer kennt nicht aus Foren die in Fußzeilen fixierte Bemerkung: "Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten." Auf Rechtschreibfehler hinzuweisen, ist verpönt – meiner Meinung nach zu recht. Es wirkt kränkend und ist darum ungehörig. Gerade im privaten Umfeld muss sich jeder frei äußern können, ohne befürchten zu müssen, wegen Unregelmäßigkeiten bei der Schriftsprache schräg angesehen zu werden. Für professionelles und veröffentlichtes Schreiben gelten nach meiner Ansicht höhere Anforderungen.

Ein schönes Beispiel für das geringe Ansehen der Rechtschreibung ist das Dokument Technisches Schreiben von  Prof. Lutz Prechelt, Institut für Informatik der FU Berlin. In seiner richtig gelungenen Anleitung für angehende Autoren liest er notorischen Richtigschreibern die Leviten:

Zur Rolle der Korrektheit in Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik kann man drei Haupttypen von Haltungen unterscheiden: Die Vorschreiber bestehen darauf, unbedingt an jeder Stelle alle Regeln genau einzuhalten; jeden kleinsten Fehler kreiden sie dick mit rot an und regen sich furchtbar über jeden Text auf, der zuviele davon aufweist. Die Zulasser nehmen die gegenteilige Haltung ein: "Ist doch egal, ob das so stimmt oder nicht. Hauptsache, man kann es verstehen." Dazwischen liegen die Pragmatiker, die zwar Korrektheit anstreben, aber auch abweichende Lösungen zulassen bzw. diejenige auswählen, die ihnen im vorliegenden Fall am angemessensten erscheint. [..] Ich halte die Vorschreiber-Haltung für kleinlich und ineffizient. Man kann seine Energien fast immer für etwas anderes einsetzen, das wesentlich nutzbringender ist.

Was ist wichtiger – schreiben können oder rechnen können?

Da sieht man, wie schlecht es um das Ansehen der korrekten Rechtschreibung und ihrer Anhänger bestellt ist. Wer möchte schon ein solcher Unsympath wie der "Vorschreiber" sein? Interessant finde ich in dem Zusammenhang einen Vergleich mit dem Rechnen. Bei der Rechtschreibung gilt es als grob ungehörig, auf Fehler hinzuweisen. Die Wichtigkeit der Regeleinhaltung in Texten ist durchaus umstritten. Zugleich fühlt es sich für die meisten, wenn nicht alle Menschen unangenehm an, auf Rechtschreibfehler hingewiesen zu werden. Man gibt auch ungern zu, unsicher in der Rechtschreibung zu sein. Warum ist das so – wenn Rechtschreibung doch nicht wichtig ist?

Beim Rechnen ist es genau andersrum. Niemand wird ernstlich in Frage stellen, dass Berechnungen richtig sein müssen. Wer auf Rechenfehler hingewiesen wird, nimmt das in der Regel nicht übel, sondern wird sich beeilen, den Fehler zu korrigieren. Dennoch kann man Rechenschwächen ohne größeren Ansehensverlust einräumen. Mancher kokettiert sogar ein wenig damit, im Rechnen noch nie gut gewesen zu sein. Das heißt: Schwach zu sein in der vermeintlich unwichtigen Kunst des Schreibens schadet dem Ansehen, schwach zu sein in der wichtigen Kunst des Rechnens macht nichts, aber die Ergebnisse müssen stimmen? Wie passt das zusammen? Eigentlich müsste man Rechtschreibschwächen leichten Herzens zugestehen können und unter Rechenschwächen leiden wie ein Hund.

Nach dieser rethorischen Zuspitzung würden Sie vielleicht von mir gerne die Antwort lesen. Nur ich muss leider passen – ich weiß es auch nicht. wink

Schwache Rechtschreibung schadet dem Ansehen

Aus diesem Vergleich sollte eines deutlich werden: Wirklich unwichtig kann die Rechtschreibung nicht sein, wenn die meisten Personen Hinweise auf Ungenauigkeiten in dieser Hinsicht als unangenehm empfinden. Rechtschreibung gilt zwar oft als niedere Kunst, aber sie gar zu sehr zu missachten, wirkt unschön und kann dem Ansehen schaden. Auch auf die Gefahr, mich als schlimmer "Vorschreiber" zu outen: Öffentliches Schreiben auf Firmenseiten ist in Sachen Rechtschreibung nicht der Ort für pragmatische, kreative und spontane Lösungsversuche. Denn die Schriftsprache hat mit dem Rechnen etwas gemeinsam: Sie ist regelbasiert, nicht empfehlungsbasiert.